Die Schweizer Uhrenexporte 2026 sind nach acht Monaten ins Plus zurückgekehrt, doch die aufschlussreicheren Signale stecken nicht in der Gesamtzahl. Sie stecken im Material, in den Preisklassen und in den Regionen: Edelmetall verliert an Gewicht, Bicolor wächst kräftig, die Mitte des Marktes schwächelt, und Deutschland pendelt zwischen Minus und Plus. Wir lesen die Statistik des Verbands der Schweizerischen Uhrenindustrie bis einschließlich August so, wie sie für Käufer und Verkäufer gebrauchter Uhren nützlich ist: als Frühindikator mit klaren Grenzen, nicht als Preisbarometer.
1. Acht Monate, 17 Milliarden Franken: die Lage im Herbst 2026
Die jüngste verfügbare Datenbasis sind die Augustzahlen des Verbands der Schweizerischen Uhrenindustrie FH. Sie fallen freundlicher aus als das erste Halbjahr: Mit einem Arbeitstag mehr als im Vorjahr stiegen die Exporte im August um 9,1 Prozent, und der gleitende Zwölfmonatsdurchschnitt liegt damit erstmals seit zwei Jahren im positiven Bereich (Federation of the Swiss Watch Industry). Kumuliert ergeben die ersten acht Monate ein Plus von 1,7 Prozent und einen Exportwert von mehr als 17 Milliarden Franken (Federation of the Swiss Watch Industry).
In absoluten Zahlen erreichte der August einen Exportwert von 1,789 Milliarden Franken (GZ Goldschmiede Zeitung nach FH). Auf den ersten Blick wirkt das wie eine Trendwende, auf den zweiten eher wie eine Erholung von niedrigem Niveau. Das Vergleichsjahr war schwach: 2025 sanken die Schweizer Uhrenexporte wertmäßig auf 25,6 Milliarden Franken, ein Minus von 1,7 Prozent gegenüber 2024 (Federation of the Swiss Watch Industry). Ein Zuwachs gegenüber einem solchen Jahr ist willkommen, misst aber zunächst die Rückkehr zur Normalität und noch keinen neuen Aufschwung.
Den Weg ins Plus hatte bereits der Juli geöffnet. Die Exporte wuchsen dort um fast 9,6 Prozent auf über 2,6 Milliarden Franken, und die kumulierte Bilanz nach sieben Monaten drehte mit plus 0,9 Prozent in den positiven Bereich (Federation of the Swiss Watch Industry). Zur Jahresmitte sah das Bild noch anders aus: Das erste Halbjahr schloss mit 12,8 Milliarden Franken und lag damit 0,7 Prozent unter dem Vorjahreszeitraum (Federation of the Swiss Watch Industry).
Für Leser, die gebrauchte Uhren kaufen oder verkaufen, ist die Gesamtzahl allerdings der am wenigsten ergiebige Teil der Statistik. Aufschlussreicher sind die Verschiebungen darunter: welche Materialien gefragt sind, welche Preisklassen wachsen und schrumpfen, welche Länder zulegen oder zurückfallen. Diese Verschiebungen kommen zeitversetzt auch im Gebrauchtmarkt an, weil heute exportierte Neuware die Gebrauchtware kommender Jahre ist. Stand dieses Beitrags sind die Augustzahlen; die Septemberzahlen veröffentlicht der Verband am 20. Oktober 2026 (Federation of the Swiss Watch Industry). Vorher lohnt ein Blick darauf, was die Zahlen überhaupt messen.
2. Was Exportzahlen messen und was nicht
Der Verband formuliert die wichtigste Einschränkung selbst und ohne Umschweife: Alle veröffentlichten Zahlen beziehen sich auf Exportdaten und nicht auf Verkäufe an Endkunden (Federation of the Swiss Watch Industry). Zwischen beiden Größen könne es Unterschiede geben, die Daten könnten nachträglich revidiert werden, und es gelte jeweils die jüngste Veröffentlichung. Gemessen wird also, was die Schweizer Uhrenunternehmen insgesamt ausführen: Der Verband versteht die Werte als konsolidierte Zahlen aller Unternehmen, die keine Rückschlüsse auf einzelne Firmen erlauben. Ob und wann eine einzelne Uhr am Ende einen Käufer findet, steht in keiner dieser Tabellen.
Hinzu kommt, dass sämtliche Werte zu Exportpreisen erfasst werden und nicht zu dem Preis, der im Schaufenster steht. Wie groß der Abstand sein kann, zeigt eine Schätzung von Morgan Stanley, über die das Magazin Revolution berichtet: Sie beziffert den Schweizer Uhrenmarkt auf rund 25,9 Milliarden Franken auf Großhandelsebene und rund 49 Milliarden Franken im Einzelhandel ohne Mehrwertsteuer, gerechnet mit einem Faktor von 1,6 zwischen beiden Ebenen (Revolution). Exportwert und Ladenpreis sind also zwei verschiedene Größen, die man nicht gegeneinander verrechnen sollte.
Daraus folgt eine einfache Leseregel: Die Exportstatistik zeigt, was der Handel bestellt, nicht, was Kunden am Ende bezahlen. Sie ist deshalb ein Frühindikator für Lagerbestände, Händlerstimmung und künftiges Angebot, aber kein Barometer für Gebrauchtpreise. Steigen die Ausfuhren in ein Land kräftig, kann das bedeuten, dass dort mehr verkauft wird. Es kann ebenso bedeuten, dass Händler nach einer Phase der Vorsicht ihre Lager wieder auffüllen. Die FH hatte im Halbjahresbericht ausdrücklich auf die Zurückhaltung der Händler bei den Nachbestellungen hingewiesen (Federation of the Swiss Watch Industry).
Bei der Berichterstattung über Monatszahlen begegnen einige Lesefehler besonders häufig. Sie sind unscheinbar, verändern die Aussage einer Schlagzeile aber erheblich, und sie übersetzen sich schnell in Kauf- oder Verkaufsentscheidungen, die auf einer falschen Annahme beruhen. Die folgende Liste fasst die fünf wichtigsten zusammen. Sie gilt für die Gesamtzahl ebenso wie für die Unterteilungen nach Material, Preisklasse und Land, die in den folgenden Abschnitten im Mittelpunkt stehen.
- Arbeitstage: Der August 2026 hatte einen Arbeitstag mehr als der Vorjahresmonat, worauf die FH selbst hinweist. Ein zusätzlicher Liefertag kann bereits einen Teil des Wachstums von 9,1 Prozent erklären; wie groß dieser Teil ist, beziffert der Verband nicht. Wer die Zahl ohne diesen Hinweis liest, überschätzt die zugrunde liegende Dynamik des Monats.
- Logistikeffekte: Länderwerte zeigen, wohin geliefert wird, nicht zwingend, wo gekauft wird. Wenn Hersteller ihre Ware über ein zentrales Lager in einem Nachbarland verteilen, wächst dieses Land in der Statistik, während andere scheinbar verlieren. Frankreich ist dafür 2026 ein deutliches Beispiel, wie Abschnitt acht zeigt.
- Exportpreis statt Ladenpreis: Alle Werte und Preisklassen beziehen sich auf den Exportpreis. Eine Uhr in der Klasse bis 3000 Franken kann im Handel deutlich mehr kosten. Rückschlüsse auf Ladenpreise oder gar Gebrauchtpreise lassen sich aus diesen Klassen nicht unmittelbar ziehen.
- Wert statt Menge: Ein steigender Exportwert kann an höheren Stückpreisen liegen und muss nicht mehr Uhren bedeuten. Bei teurem Gold ist dieser Unterschied besonders wichtig, weil sich Rohstoffpreise und Listenpreise im Wert niederschlagen, ohne dass auch nur eine Uhr mehr gefertigt wird.
- Basiseffekte: Ein hoher Zuwachs gegenüber einem schwachen Vorjahresmonat sagt wenig über den Trend. Die FH kennzeichnet solche Fälle selbst, etwa beim Augustplus für Deutschland, und führt die hohe Volatilität im US-Geschäft im ersten Halbjahr auf die zusätzlichen Zölle und einen ausgeprägten Basiseffekt seit deren Einführung im zweiten Quartal 2025 zurück.
3. Der Goldpreis als stiller Taktgeber
Im Halbjahresbericht nennt die FH eine ganze Reihe ungünstiger Faktoren: den ohnehin starken und weiter erstarkten Franken, der Uhren im Ausland verteuerte und die Margen belastete, die Abwertung des US-Dollars und schließlich das Gold. Wörtlich heißt es, der rekordmäßige Goldpreis habe im ersten Halbjahr bei einem Teil der Produkte erhebliche Auswirkungen auf die Verkaufspreise und die Produktionskosten gehabt (Federation of the Swiss Watch Industry). Für eine Branche, die 95 Prozent ihrer Produktion in rund 200 Märkte exportiert, wirkt ein solcher Faktor in allen Märkten zugleich.
Der World Gold Council beschreibt den Verlauf von der Rohstoffseite. Im zweiten Quartal gab der Goldpreis von den Rekordständen nach, die zu Beginn des Jahres 2026 erreicht worden waren. Dennoch belasteten die hohen Preise weiterhin die Schmucknachfrage, die im Vorjahresvergleich um 17 Prozent zurückging, weil Käufer weniger Gold erwarben und zu leichteren Produkten wechselten (World Gold Council). Der Wert der Schmucknachfrage stieg im ersten Halbjahr dagegen um 22 Prozent: weniger Metall, aber teurer bezahlt. Dieses Verhaltensmuster ist für die Uhrenbranche aufschlussreich: Wer Gold als zu teuer empfindet, verzichtet nicht zwingend auf den Kauf, sondern greift zu einem Produkt mit weniger Material.
Für Uhren hat der Goldpreis zwei Wirkungswege. Erstens steigen die Herstellungskosten eines Gehäuses und Bandes aus Vollgold unmittelbar mit dem Rohstoff. Zweitens geben Hersteller diese Kosten über ihre Listenpreise weiter, häufig zeitversetzt und in Stufen. Soweit sie sich in den Exportpreisen niederschlagen, erscheinen beide Effekte in der Statistik als höherer Wert je Stück, unabhängig von der Zahl der gefertigten Uhren. Die GZ Goldschmiede Zeitung wies bei der Auswertung des Juli darauf hin, dass die Statistik nicht ausweist, wie stark das hohe Preisniveau bei Edelmetallen die Exportwerte beeinflusst hat (GZ Goldschmiede Zeitung).
Daraus ergibt sich eine Einschränkung für jede Lesart der Materialzahlen. Ein Wertzuwachs bei Gold- oder Bicolor-Uhren kann gestiegene Nachfrage bedeuten, er kann aber ebenso teureres Metall abbilden. Konkrete Unzenpreise sind für die Einordnung nicht nötig; es genügt die belegte Richtung, also ein Rekordniveau zu Jahresbeginn und ein Nachgeben im zweiten Quartal. Wer die Materialverschiebung im folgenden Abschnitt liest, sollte diesen Preiseffekt als Hintergrund mitdenken, der die Signale verstärken kann, sie aber nicht allein erklärt.
4. Von Vollgold zu Bicolor: die Materialverschiebung
Eine der auffälligsten Verschiebungen des Jahres findet sich in der Materialstatistik. Im ersten Halbjahr erlitten Edelmetalluhren laut FH eine wertmäßige Einbuße von 6,5 Prozent, während Bimetalluhren, im Handel meist Bicolor genannt, um 20,0 Prozent zulegten (Federation of the Swiss Watch Industry). Der Verband erklärt diese Verlagerung der Nachfrage unter anderem mit den Rohstoffpreisen. Bemerkenswert ist das, weil ein höherer Goldpreis den Wert je Uhr eher anhebt: Sinkt der Exportwert der Edelmetalluhren, zu denen die Vollgolduhren zählen, trotzdem, spricht das eher für weniger ausgelieferte Stücke als für einen reinen Preiseffekt. Stückzahlen nach Material nennt die Halbjahresmitteilung allerdings nicht.
Im Sommer setzte sich das Wachstum bei Bicolor fort, während Edelmetalluhren wieder zulegten, allerdings schwächer als der Gesamtmarkt. Im Juli stieg der Exportwert der Gold-Stahl-Uhren um 23,8 Prozent, obwohl 4,4 Prozent weniger Stück ausgeführt wurden; bei Edelmetalluhren stand einem Wertzuwachs von 3,7 Prozent ein Mengenplus von lediglich 0,9 Prozent gegenüber (GZ Goldschmiede Zeitung). Im August legten Bicolor-Uhren um 20,1 Prozent auf 355,3 Millionen Franken zu. Edelmetalluhren kamen auf 660,8 Millionen Franken und ein Plus von 6,9 Prozent, obwohl ihre Stückzahl um 1,3 Prozent sank (GZ Goldschmiede Zeitung nach FH).
Für die Erklärung genügt ein Blick auf den Aufbau solcher Uhren. Bei einem Bicolor-Modell ist nur ein Teil von Gehäuse und Band aus Gold gefertigt, der übrige Teil aus Edelstahl. Der Goldanteil bleibt sichtbar, die Materialmenge ist aber deutlich geringer als bei einer Vollgolduhr. Das entspricht dem Muster, das der World Gold Council für Schmuck beschreibt: Käufer erwerben weniger Gold und weichen auf leichtere Produkte aus. Stahluhren legten im August wertmäßig um 2,8 Prozent zu (GZ Goldschmiede Zeitung) und blieben damit klar hinter Bicolor zurück; im ersten Halbjahr hatten sie wertmäßig sogar 6,5 Prozent verloren (Federation of the Swiss Watch Industry).
Für den Gebrauchtmarkt lässt sich daraus keine Preisprognose ableiten, wohl aber eine Beobachtung zur Nachfrage. Referenzen wie die Datejust 41 in Gelb-Rolesor, die Submariner Date in Stahl und Gold oder die Black Bay S&G von Tudor gehören zu genau der Materialklasse, die im Neugeschäft wächst. Die Exportdaten zeigen Nachfrage nach dieser Kombination bei Neuware; ob und wie stark sie auf gebrauchte Exemplare übergreift, geben sie nicht her. Ob sich das in höheren Gebrauchtpreisen niederschlägt, hängt von Zustand, Vollständigkeit und Angebot ab. Zur Materialfrage selbst siehe unseren Beitrag zur Materialwahl zwischen Stahl und Gold.
Datejust 41 in Gelb-Rolesor
Die Datejust 41 dieser Referenz verbindet Edelstahl und Gelbgold, eine Kombination, die Rolex Rolesor nennt und die der Gruppe der Bicolor-Uhren aus Gold und Stahl entspricht, die in der Exportstatistik 2026 kräftig wächst. Die Modellreihe erschien laut Wikipedia 2016 zusammen mit dem Automatikkaliber 3235, das eine Hemmung namens Chronergy und eine Gangreserve von 70 Stunden mitbringt. Alle Zahlungen werden bei CHRONOWERK über das Treuhandkonto abgewickelt.
Referenz ansehen5. Preisrunden der Hersteller und ihre Wirkung auf Gebrauchtpreise
Die folgenden Angaben stammen nicht vom Hersteller selbst, sondern aus Branchenberichten. Robb Report berichtet, Rolex habe zu Jahresbeginn die Preise im Durchschnitt um 7 Prozent in den USA und um 5,2 Prozent im Vereinigten Königreich angehoben (Robb Report). In seinem Bericht vom 15. Juni 2026 meldet das Magazin eine zweite Runde im laufenden Monat, diesmal für Goldmodelle: Deren Preise stiegen nach Angaben von Reuters, das sich auf zwei Rechercheplattformen und zwei Uhrenhändler beruft, in den wichtigsten Märkten im Durchschnitt um 5 Prozent (Robb Report). Der Bericht spricht von einer erneuten doppelten Erhöhung in diesem Jahr; der Schritt habe die Branche überrascht.
Der Hintergrund ist laut demselben Bericht ein gewohntes Muster: Der Hersteller erhöhe typischerweise zu Jahresbeginn und gelegentlich zur Jahresmitte, abhängig von Wechselkursen und Materialkosten (Robb Report). So geschah es nach demselben Bericht schon 2025 mit einer Erhöhung im Januar und, im Gefolge der US-Einfuhrzölle auf Schweizer Waren, einer weiteren im Mai. Auch andere Häuser erhöhten ihre Preise. Cartier hatte die Preise für Goldmodelle bereits im Monat vor dem Bericht um bis zu 10 Prozent angehoben; Richemont als Muttergesellschaft begründete maßvolle Preiserhöhungen in seinem Jahresbericht mit steigenden Goldpreisen und Währungsschwankungen (Robb Report). Tudor und Audemars Piguet hatten ihre Preise bereits im Januar zusammen mit Rolex deutlich erhöht (Robb Report).
Für den Gebrauchtmarkt ist die Wirkung zweischneidig. Steigt der Listenpreis einer Vollgold-Referenz wie der Day-Date 40 in Gelbgold innerhalb eines Jahres in zwei Stufen, wächst der Abstand zwischen Neupreis und Gebrauchtpreis, sofern die Gebrauchtpreise nicht im gleichen Tempo folgen. Für Käufer kann eine gebrauchte Golduhr dadurch im Verhältnis zum Listenpreis interessanter erscheinen. Für Verkäufer bedeutet ein höherer Listenpreis dagegen nicht automatisch einen höheren Erlös, weil Gebrauchtpreise aus Angebot und Nachfrage entstehen und nicht aus einer Preisliste abgeleitet werden.
Zwei Einschränkungen gehören zu dieser Überlegung. Erstens sind die genannten Prozentwerte Durchschnitte über Modelle und Märkte; einzelne Referenzen können stärker oder schwächer betroffen sein, und konkrete Europreise einzelner Uhren sind in den Berichten nicht belegt. Zweitens können höhere Listenpreise auch höhere Exportwerte nach sich ziehen. Ein Teil des Wertzuwachses bei Gold- und Bicolor-Uhren kann daher Preis sein und nicht Menge. Das spricht nicht gegen die Materialverschiebung, mahnt aber zur Vorsicht bei der Frage, wie groß sie tatsächlich ist.
6. Die schwache Mitte: das Segment 500 bis 3000 Franken
Neben dem Material zeigt die Statistik nach Preisklassen eine zweite Verschiebung. Im ersten Halbjahr wurde das Gesamtergebnis wertmäßig vor allem durch den Rückgang im Segment zwischen 500 und 3000 Franken beeinflusst, das um 5,7 Prozent nachgab (Federation of the Swiss Watch Industry). Die Abgrenzung erfolgt über den Exportpreis, nicht über den Ladenpreis. Eine Uhr, die im Export knapp unter 3000 Franken liegt, kann im Handel deutlich teurer angeboten werden; die Klasse reicht damit weiter nach oben, als der Name vermuten lässt.
Die Schwäche ist kein Ausreißer eines einzelnen Monats. Im Juli gab das Segment um 3,9 Prozent nach, während Uhren mit einem Exportpreis über 3000 Franken um 12,0 Prozent zulegten (GZ Goldschmiede Zeitung). Im August wuchsen alle Preisklassen außer dem Segment 500 bis 3000 Franken, das leicht um 0,9 Prozent zurückfiel; besonders deutlich legten Uhren unter 200 Franken mit 13,3 Prozent und über 3000 Franken mit 10,2 Prozent zu (Federation of the Swiss Watch Industry). Das Muster wiederholt sich also über mehrere Monate.
Die Konzentration am oberen Ende reicht weit über die Grenze von 3000 Franken hinaus. Morgan Stanley schätzt laut Revolution, dass Uhren mit einem Preis über 50.000 Franken im Jahr 2025 37 Prozent des Exportwerts ausmachten und 89 Prozent des Wachstums lieferten, bei nur 1,4 Prozent der Stückzahl (Revolution). Insgesamt verließen 2025 nach derselben Quelle 14,6 Millionen Uhren die Schweiz. Es handelt sich um Schätzungen einer Bank und nicht um amtliche Werte, doch die Richtung deckt sich mit den Preisklassendaten des Verbands.
Für Verkäufer gebrauchter Uhren ist das eine nüchterne Information. Das Exportwachstum konzentriert sich an den Rändern, bei sehr günstigen Uhren und bei hochpreisigen Referenzen, während die Mitte im Neugeschäft unter Druck steht. Ob sich das im Gebrauchtmarkt in gleicher Weise zeigt, lässt sich aus Exportdaten nicht ablesen. Plausibel ist aber, dass Händler in diesem Segment vorsichtiger einkaufen. Wer eine Uhr aus diesem Bereich verkaufen möchte, sollte deshalb mit realistischen Erwartungen an Zeitraum und Verhandlungsspielraum in die Vermarktung gehen.
7. Regionen: China fällt zurück, Indien steigt auf
Die regionale Verteilung der Exporte hat sich in zwei Jahren deutlich verändert. Festlandchina war Ende 2024 noch der zweitgrößte Markt der Branche und ist inzwischen auf den sechsten Rang zurückgefallen; der anhaltende Rückgang trübe die Aussichten der Region, schreibt die FH (Federation of the Swiss Watch Industry). Im ersten Halbjahr glich der Anstieg in Hongkong um 3,3 Prozent den Rückgang in China um 5,0 Prozent weitgehend aus. Nach einem Einbruch um 30 Prozent innerhalb von zwei Jahren war in Großchina eine Stabilisierung zu beobachten (Federation of the Swiss Watch Industry).
Wie wenig belastbar diese Stabilisierung im Monatsverlauf ist, zeigen die Sommerzahlen. Im Juli gingen die Exporte nach China um 18,5 Prozent zurück (GZ Goldschmiede Zeitung), im August legten sie um 15,8 Prozent zu (Federation of the Swiss Watch Industry). Die FH nennt beim Augustwert ausdrücklich eine günstige Vergleichsbasis als begünstigenden Faktor. Wer aus einem dieser Monate einen Trend ableitet, liegt mit hoher Wahrscheinlichkeit falsch; aussagekräftiger ist der Halbjahresvergleich, und der zeigt einen Markt, der seine frühere Rolle bislang nicht zurückgewonnen hat.
Die stärksten Zuwächse des Halbjahres kamen von anderer Seite: aus Mexiko mit 14,9 Prozent, das sich seit mehreren Jahren stetig entwickelt, und aus Indien mit 31,5 Prozent (Federation of the Swiss Watch Industry). Indien biete der Branche zudem langfristig die besten Aussichten, so die Einschätzung des Verbands. Für die Einordnung gilt dabei, was für alle prozentualen Angaben gilt: Eine hohe Wachstumsrate sagt allein noch nichts über das absolute Gewicht eines Marktes in der Exportstatistik aus; dafür braucht es den Exportwert, den die Mitteilung für Indien nicht gesondert nennt.
Richemont zeichnet aus Unternehmenssicht ein gemischtes Bild. Konzernweit stiegen die Umsätze im Quartal bis Ende Juni in China, Hongkong und Macau zusammen zweistellig, getragen von starker Nachfrage in Hongkong und Macau. Für seine Uhrenmarken meldet der Konzern dagegen eine weitgehend stabile Entwicklung in Asien-Pazifik, weil der Rückgang in China, Hongkong und Macau zusammen durch Wachstum im übrigen Teil der Region nahezu ausgeglichen wurde (Richemont). Für den europäischen Gebrauchtmarkt kann das eine Rolle spielen: Je schwächer die Nachfrage aus Asien ausfällt, desto eher bleibt Ware in Europa, neue wie gebrauchte, und desto stärker hängt das Angebot hier von der heimischen Nachfrage ab.
Die USA, wichtigster Einzelmarkt, bleiben hier eine Randbemerkung, weil die Zollfrage ein eigenes Thema ist. Im August gingen die Exporte dorthin trotz günstiger Vergleichsbasis um 19,4 Prozent auf 197,5 Millionen Franken zurück (GZ Goldschmiede Zeitung nach FH). Im ersten Halbjahr lag das Minus bei 14,8 Prozent, bei sehr hoher Vergleichsbasis (Federation of the Swiss Watch Industry). Die Hintergründe zu Tarifen und ihren Folgen für Preise behandelt unser Beitrag zu Zollpolitik und Uhrenpreisen ausführlich.
8. Deutschland zwischen Halbjahresminus und Augustplus
Für deutsche Leser ist die Entwicklung des eigenen Marktes von besonderem Interesse, und sie ist widersprüchlich. Im ersten Halbjahr litt Deutschland laut FH weiterhin unter einer negativen Konjunktur und verlor nochmals an Boden, mit einem Minus von 10,5 Prozent (Federation of the Swiss Watch Industry). Ganz anders das Vereinigte Königreich, das mit plus 5,8 Prozent eine solide Stütze der Schweizer Uhrenexporte war (Federation of the Swiss Watch Industry).
Der Sommer brachte ein anderes Bild. Im Juli stiegen die Exporte in die Europäische Union insgesamt um 12,4 Prozent, und Deutschland gehörte mit einem Plus von 11,6 Prozent zu den Wachstumstreibern (GZ Goldschmiede Zeitung). Im August stiegen die Exporte nach Deutschland um 34,0 Prozent, ebenso wie Singapur und die Vereinigten Arabischen Emirate begünstigt durch einen günstigen Basiseffekt (Federation of the Swiss Watch Industry). Der Verband stellt diesen Zusatz selbst neben die Zahl. Ein schwacher Vorjahresmonat macht einen hohen Zuwachs leicht, ohne dass sich die Lage grundlegend verändert haben muss.
Noch vorsichtiger sind die Zahlen für Frankreich zu lesen. Im ersten Halbjahr spiegelte das Ergebnis von plus 63,4 Prozent laut FH nicht die tatsächliche Marktentwicklung wider, sondern eine Verlagerung der Logistikströme bei Produkten, die in andere europäische Länder reexportiert werden (Federation of the Swiss Watch Industry). Im August lag Frankreich bei plus 113,5 Prozent; der Verband warnt, dies könne im Sinne kommunizierender Röhren zulasten anderer Märkte der Region gehen (Federation of the Swiss Watch Industry). Italien etwa verlor im selben Monat 40,4 Prozent.
Das hat eine praktische Folge für die Einordnung der deutschen Zahlen. Ein Teil der Uhren, die am Ende in deutschen Schaufenstern liegen, kann über ein Lager in Frankreich geliefert worden sein und taucht dann nicht unter Deutschland auf. Die Länderwerte innerhalb der Europäischen Union sind deshalb mit Vorsicht zu interpretieren, wie die FH selbst schreibt. Für Käufer und Verkäufer in Deutschland heißt das: Weder das Halbjahresminus noch das Augustplus sind ein verlässliches Bild der Nachfrage im eigenen Land. Ein Monat macht keinen Trend.
9. Was die Konzerne sagen: Richemont und Swatch Group
Neben der Verbandsstatistik veröffentlichen die großen börsennotierten Konzerne eigene Zahlen. Sie messen etwas anderes, nämlich Umsätze einschließlich des eigenen Einzelhandels, und folgen eigenen Berichtszeiträumen; sie ergänzen die Exportdaten deshalb, ohne mit ihnen direkt vergleichbar zu sein. Richemont meldet für das Quartal bis 30. Juni 2026, dass seine Uhrensparte Specialist Watchmakers den Umsatz bei konstanten Wechselkursen um 8 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum steigerte, eine deutliche Verbesserung gegenüber dem vorangegangenen Quartal (Richemont). Alle folgenden Werte sind Unternehmensangaben oder Schätzungen.
Hervorgehoben werden in der Mitteilung Vacheron Constantin, Jaeger-LeCoultre und A. Lange & Söhne; regional führten Amerika und Japan das Wachstum an (Richemont). Cartier wird bei Richemont nicht unter den Uhrenmarken geführt, sondern unter den Jewellery Maisons, die zusammen einen Umsatzanstieg von 24 Prozent meldeten; Schmuck- und Uhrenlinien hätten sich dabei kräftig entwickelt (Richemont). Für die Einordnung der Preisrunde bei Cartier-Goldmodellen heißt das: Die Konzernzahlen weisen Cartier-Uhren nicht gesondert aus, beschreiben die Uhrenlinien der Schmuckhäuser aber als kräftig gewachsen.
Die Swatch Group meldete für das Halbjahr ein Umsatzplus von 8,5 Prozent bei konstanten Wechselkursen (Monochrome Watches). Nach demselben Bericht beliefen sich die Umsätze der ersten sechs Monate 2026 auf 3121 Millionen Franken gegenüber 3059 Millionen Franken im Vorjahreszeitraum (Monochrome Watches). Omega verzeichnete im eigenen Einzelhandel ein Wachstum von 20 Prozent bei konstanten Wechselkursen (Monochrome Watches). Das ist eine Angabe zum markeneigenen Verkauf an Endkunden und damit näher an der tatsächlichen Nachfrage als die Exportstatistik, aber auf ein Unternehmen und einen Vertriebsweg begrenzt.
Für Rolex stützt sich jede Einordnung auf Schätzungen. Morgan Stanley veranschlagt laut Revolution für das Jahr 2025 rund 1,15 Millionen Uhren und einen durchschnittlichen Verkaufspreis um 14.000 Franken, ein Plus von 6 Prozent gegenüber dem Vorjahr, bei einer Stückzahl, die um rund 2 Prozent zurückging (Revolution). Auch hier steht die Richtung im Vordergrund, nicht die genaue Zahl: weniger Uhren zu höheren Preisen. Das deckt sich mit der Gesamtschätzung der Bank, nach der die Schweiz 2025 so wenige Uhren ausführte wie seit Jahrzehnten nicht (Revolution).
Die Marken hinter den Zahlen
Rolex, Omega, Cartier, Tudor, Vacheron Constantin und Jaeger-LeCoultre stehen in diesem Beitrag für Preisrunden, Materialverschiebung und Konzernzahlen. Eine Auswahl ihrer Referenzen aus dem laufenden Bestand.
10. Was Käufer und Verkäufer daraus mitnehmen
Die Exportzahlen bis August erlauben keine Prognose, wohl aber eine Bestandsaufnahme. Der Goldpreis erreichte zu Jahresbeginn Rekordwerte und hat nach Einschätzung der FH unter anderem dazu beigetragen, Nachfrage im Neugeschäft von Edelmetall zu Bicolor zu verlagern. Rolex hat laut Branchenberichten die Preise in zwei Stufen erhöht, zuletzt für Goldmodelle, und auch Cartier hob die Preise für Goldmodelle an. Die Mitte des Marktes zwischen 500 und 3000 Franken Exportpreis steht unter Druck, während die Ränder wachsen. China hat seine frühere Rolle eingebüßt, Indien und Mexiko gewinnen an Gewicht, und Deutschland bleibt ein Markt, dessen Monatswerte man vorsichtig lesen sollte.
Für Käufer gebrauchter Vollgolduhren kann sich aus den zwei Preisrunden ein relativer Vorteil ergeben, weil der Abstand zum Listenpreis gewachsen sein kann. Ob ein einzelnes Angebot tatsächlich günstig ist, entscheidet sich aber am Vergleich mit anderen Angeboten derselben Referenz, nicht an einer Exportzahl. Für Verkäufer von Bicolor-Modellen ist die Materialverschiebung ein Hinweis auf Nachfrage im Neugeschäft, keine Zusage für einen bestimmten Preis. Die folgende Liste fasst die Punkte zusammen, die sich aus der Statistik ableiten lassen.
- Datum der Daten: Dieser Beitrag beruht auf den Augustzahlen der FH. Die Septemberzahlen erscheinen am 20. Oktober 2026 und können das Bild verändern, besonders bei einzelnen Ländern und Materialgruppen mit starken monatlichen Ausschlägen.
- Material: Bicolor wächst im Neugeschäft deutlich, Edelmetalluhren, zu denen Vollgold zählt, verloren im ersten Halbjahr an Wert. Das beschreibt die Nachfrage nach Neuware und begründet für sich genommen keine Erwartung an steigende Gebrauchtpreise einzelner Referenzen.
- Preisrunden: Höhere Listenpreise für Gold verschieben den Abstand zum Gebrauchtpreis. Die genannten Werte sind Durchschnitte aus Branchenberichten, keine Angaben für einzelne Uhren, und sie stammen nicht aus offiziellen Mitteilungen des Herstellers.
- Preisklassen: Das Segment zwischen 500 und 3000 Franken Exportpreis schrumpft, die Ränder wachsen. Wer in diesem Bereich verkauft, sollte mit realistischen Erwartungen an Vermarktungsdauer und Verhandlungsspielraum planen, statt sich an früheren Spitzenwerten zu orientieren.
- Länderzahlen: Einzelne Monate mit Basiseffekten und Logistikverlagerungen, wie bei Deutschland und Frankreich im August, sind kein Trend. Belastbarer sind kumulierte Werte über mehrere Monate und der Vergleich mit dem Halbjahr.
Wer seine Uhr verkaufen möchte und wissen will, wo sie im aktuellen Markt steht, braucht eine Bewertung, die auf vergleichbaren Angeboten und dem Zustand der konkreten Uhr beruht, nicht auf Exportstatistiken. Wie eine solche Bewertung zustande kommt und welche Faktoren in den Ankaufspreis einfließen, erklärt unser Beitrag zur fairen Bewertung beim Ankauf. Bei CHRONOWERK lässt sich eine kostenlose Bewertung Ihrer Uhr anfragen. Beim Verkauf über den Marktplatz werden alle Zahlungen über das Treuhandkonto abgewickelt, und der Kaufpreis liegt vollständig dort, bevor Sie versenden.
Für Käufer gilt umgekehrt: Die Exportzahlen helfen, den Markt einzuordnen, ersetzen aber nicht die Prüfung des einzelnen Angebots. Zustand, Unterlagen, Servicestand und Herkunft bestimmen den Wert einer gebrauchten Uhr stärker als jede Monatsstatistik. Wie sich die Preise im Gebrauchtmarkt seit dem Boom insgesamt entwickelt haben, beschreibt unser Beitrag zum Sekundärmarkt nach dem Boom. Die nächsten Signale aus der Schweiz kommen mit den Septemberzahlen, und erst mehrere Monate in Folge ergeben ein Bild, auf das sich eine Entscheidung stützen lässt.