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Die Geschichte von Vacheron Constantin lässt sich als Folge von Brüchen lesen, und gerade diese Brüche helfen beim Gebrauchtkauf. Ein Lehrvertrag verlegte das Gründungsjahr nachträglich auf 1755, über die Eigentümerwechsel hinweg wechselten auch die Basiswerke, und in der Overseas-Kollektion brachte erst die Generation von 2016 das neue Manufakturkaliber 5100 zusammen mit dem Genfer Siegel. Wir gehen die Epochen der Reihe nach durch, ordnen die Kollektionen ein und zeigen, woran sich eine gebrauchte Vacheron zeitlich zuordnen lässt, bevor über den Preis gesprochen wird.

1. Warum Vacheron Constantin ein eigener Guide ist

Die Overseas wird in diesem Jahr dreißig. Sie debütierte 1996 als von der 222 inspirierte Kollektion (Fratello). Zum Jubiläum hat die Manufaktur 2026 eine Serie aus vier Reiseuhren vorgestellt, die ein Fachmagazin so einleitet, in deutscher Übersetzung: „Vier Reiseuhren aus Titan feiern drei Jahrzehnte Abenteuergeist der Overseas-Kollektion“ (Monochrome). Dreißig Jahre sind für eine Uhrenkollektion keine lange Zeit, aber lang genug, um drei technisch verschiedene Generationen unter einem Namen zu versammeln, die am Gebrauchtmarkt nebeneinander angeboten werden.

Die neuen Modelle heißen Overseas Dual Time Cardinal Points. Gehäuse und integriertes Band bestehen aus Titan, der Durchmesser beträgt 41 Millimeter bei 12 Millimetern Höhe (Monochrome). Im Inneren arbeitet das Kaliber 5110 DT/3, laut derselben Quelle die jüngste Fassung des 5110 DT, das mit der Overseas Dual Time Referenz 7900V im Jahr 2018 eingeführt wurde. Verkauft wird die Serie ausschließlich in den Boutiquen der Marke, der genannte Listenpreis lag zum Zeitpunkt der Vorstellung im April 2026 bei CHF 33.700 (Monochrome).

Für Käufer gebrauchter Uhren ist das Jubiläum vor allem ein Anlass, genauer hinzusehen. Hinter dem Namen Overseas stehen in der ersten Generation Basiswerke von Girard-Perregaux und Frédéric Piguet, in der zweiten unter anderem ein Werk auf Basis von Jaeger-LeCoultre und ab 2016 neue Manufakturkaliber mit Genfer Siegel (Monochrome). Wer diese Abfolge kennt, kann ein Angebot anhand von Referenznummer, Gehäusedetails und Lieferumfang einer Epoche zuordnen und den verlangten Preis daran messen, statt allein dem Modellnamen zu vertrauen.

Dieser Guide liest die Marke deshalb über ihre Brüche: den Lehrvertrag, der das Gründungsjahr verschob, die Eigentümerwechsel des zwanzigsten Jahrhunderts, die Reform des Genfer Siegels im Jahr 2012 und die Neuauflagen der 222. Eine Rangfolge unter den Genfer Manufakturen stellen wir dabei nicht auf, und Superlative aus Selbstdarstellungen übernehmen wir nicht als eigene Aussage. Wo eine Zahl auftaucht, steht die Quelle direkt dahinter; wo es keinen Beleg gibt, bleibt die Beschreibung bewusst qualitativ.

2. 1755 statt 1785: der Lehrvertrag als Geburtsurkunde

Das Gründungsjahr der Marke beruht nicht auf einer Werkstatteröffnung, sondern auf einem Ausbildungsverhältnis. Ein Fachportal fasst es so zusammen, in deutscher Übersetzung: „1755 ist das Jahr, in dem Jean-Marc Vacheron seinen ersten Lehrling einstellte, Esaïe Jean François Hetier“ (Worldtempus). Der notariell beglaubigte Vertrag mit Hetier enthält nach derselben Quelle die älteste bekannte Erwähnung des Uhrmachermeisters und belegt also, dass Jean-Marc Vacheron in jenem Jahr als Meister einen Lehrling aufnahm. Mehr sagt das Dokument nicht aus, und genau so sollte man es lesen: als frühesten schriftlichen Nachweis einer Uhrmachertätigkeit, nicht als Gründungsurkunde eines Unternehmens im heutigen Sinn.

Lange Zeit galt ein anderes Jahr. „Viele Jahre lang war das offizielle Geburtsdatum von Vacheron Constantin nicht 1755, sondern 1785 – das Jahr, in dem sich Abraham Vacheron, ein Angehöriger der zweiten Generation, mutmaßlich selbstständig machte“ (Worldtempus). Die beiden Jahreszahlen schließen einander nicht aus. Dieselbe Quelle berichtet, Jean-Marc Vacheron sei 30 Jahre an der Werkbank geblieben und habe 1785 an seine Söhne übergeben (Worldtempus). Die ältere Datierung setzte also beim Generationswechsel an, die heutige beim ersten belegten Arbeitsjahr des Gründers.

Die Korrektur verdankt sich einem Archivfund. Laut Worldtempus wurde das Datum 1755 festgelegt, nachdem Recherchen den Lehrvertrag aufgespürt hatten, der nicht zu den Firmenunterlagen gehörte, sondern in Archiven des Staates Genf lag. Aus demselben Jahr stammt nach dieser Quelle auch die erste Uhr Jean-Marc Vacherons, die sich im Archiv der Manufaktur befindet: ein Silbergehäuse, eine fein ziselierte Unruhbrücke, ein Emailzifferblatt und Aufzug per Schlüssel (Worldtempus). Für die Datierung der Marke ist dieses Stück ein zweiter Anhaltspunkt neben dem Vertrag.

Häufig liest man, Vacheron Constantin sei die älteste ununterbrochen tätige Manufaktur. Das ist eine Selbstdarstellung, die wir nicht als eigene Feststellung übernehmen. Worldtempus stellt dazu eine nüchterne Frage: Viele Manufakturen nennen ein Gründungsjahr, aber wie viele können es tatsächlich belegen? Für die Einordnung der Uhren ist ohnehin etwas anderes wichtiger: Die Jubiläumsmodelle der Marke zählen von 1755 an. Die 222 erschien 1977 zum 222. Jubiläum (Monochrome), die Stahlversion der Neuauflage im Januar 2025 zum 270-jährigen Bestehen (Wikipedia). Wer die Rechnung kennt, versteht die Modellnamen.

3. 1819 bis 1880: Constantin, Leschot und das Malteserkreuz

Der zweite Name im Firmennamen kam in der dritten Generation hinzu. In deutscher Übersetzung: „Es war der Enkel des Gründers, Jacques Barthélémi Vacheron, der sich 1819 mit François Constantin zusammentat“ (Fratello). Über den genauen Tag der Partnerschaft gehen die Darstellungen auseinander, deshalb bleiben wir beim Jahr. Constantin reiste und vermarktete die Uhren (Wikipedia), während in Genf gefertigt wurde. Aus dieser Arbeitsteilung entstand ein Unternehmen, das über Jahrzehnte als Vacheron & Constantin firmierte und dessen Name sich auf Zifferblättern und in Dokumenten dieser Zeit entsprechend wiederfindet.

Aus demselben Jahr stammt das Motto der Firma. Es geht auf einen Brief zwischen den beiden Partnern zurück und besagt, man solle es besser machen, wenn es möglich ist, und möglich sei es stets (Sotheby's). Man kann das als Werbesatz lesen. Es beschreibt aber recht genau, was sich an der Overseas über drei Generationen beobachten lässt: Gehäuse, Band und Werk wurden schrittweise überarbeitet, statt eine einmal gefundene Form unverändert weiterzuführen.

Technisch prägend wurde ein Mann, der nicht zur Familie gehörte. In deutscher Übersetzung: „1833 stellten Vacheron und Constantin Georges-Auguste Leschot ein, dessen Aufgabe es war, die Fertigungsabläufe zu überwachen“ (Wikipedia). Leschot war Erfinder; seine pantografische Vorrichtung konnte kleine Uhrenteile und Zifferblätter maschinell gravieren, und 1844 zeichnete ihn die Genfer Gesellschaft der Künste mit einer Goldmedaille aus, wobei sie gerade diese Vorrichtung besonders würdigte (Wikipedia). Eine solche Vorrichtung erlaubt es, dieselbe Bearbeitung an vielen Teilen gleichartig auszuführen, und steht damit für einen Schritt weg von der reinen Einzelanfertigung.

Seit 1880 führt die Firma das Malteserkreuz als Markenzeichen (Wikipedia). Es taucht an der Uhr an Stellen auf, die beim Prüfen eines Angebots nützlich sind. Die 222 trug ein winziges Malteserkreuz bei fünf Uhr am Gehäuse (Monochrome), die Lünette der Overseas erinnert mit ihren Einkerbungen an die Arme des Kreuzes (Monochrome), und beim Chronographenwerk VC5200 der dritten Overseas-Generation ist sogar das Schaltrad in Kreuzform gestaltet (Monochrome). Wer diese Details kennt, erkennt auf Detailfotos schnell, ob Bauteile zur angegebenen Ausführung passen.

Ein weiteres Datierungsmerkmal ist der Firmenname selbst. Erst 1970 änderte das Unternehmen seinen Namen offiziell in Vacheron Constantin (Wikipedia), vorher stand das „&“ zwischen den beiden Familiennamen. Signaturen auf Zifferblättern, Gehäusen und Papieren können deshalb Hinweise auf die Entstehungszeit geben. Ein Beweis sind sie nicht, denn Übergangsphasen, Ersatzzifferblätter und spätere Restaurierungen verwischen die Grenze. Als Plausibilitätsprüfung taugt der Abgleich aber: Eine Signatur, die nicht zur angegebenen Referenz und ihrem Baujahr passt, ist ein Grund für Rückfragen.

4. Das Genfer Siegel: Gesetz von 1886, Vacheron seit 1901

Das Genfer Siegel, im Original Poinçon de Genève, ist eine kantonale Einrichtung mit gesetzlicher Grundlage. Die amtliche Seite hält fest, in deutscher Übersetzung: „1886 verabschiedete der Große Rat der Republik und des Kantons Genf das Gesetz I 1.25 über die freiwillige Prüfung von Uhren“ (Poinçon de Genève). Die Prüfung war also von Anfang an freiwillig. Das Zeichen wurde nach derselben Quelle auf einem möglichst sichtbaren Teil des Werks angebracht, auf der Platine und einer Brücke. Auch nach den Kriterien von 2012 wird es auf Platine oder Brücken des Werks graviert (FH).

Vacheron & Constantin erhielt das Siegel erstmals 1901 (Fratello). Die Voraussetzungen sind eng gefasst: Nach Darstellung des Verbands der Schweizerischen Uhrenindustrie wird es nur für Werke vergeben, die auf Genfer Gebiet montiert und reguliert wurden, und zwar von Uhrenhäusern mit Sitz im Kanton (FH). Das Siegel ist damit eine Herkunfts- und Qualitätsangabe zugleich. Es sagt etwas über den Ort und die Ausführung der Fertigung, aber nichts über die Ganggenauigkeit im Alltag eines bestimmten Exemplars Jahrzehnte nach der Auslieferung.

Im Jahr 2012 änderte sich der Gegenstand der Prüfung grundlegend. Die neuen Kriterien sollten im Juni 2012 in Kraft treten, und der Verband formuliert die Konsequenz knapp, in deutscher Übersetzung: „Von nun an muss jedoch die ganze Uhr zertifiziert werden“ (FH). Zu den bisherigen Anforderungen an das Kaliber kamen Kriterien für die äußeren Teile und den Uhrenkopf hinzu, genannt werden Wasserdichtheit, Ganggenauigkeit, Funktionen und Gangreserve. Außerdem gehört seither das Einschalen, also das Einsetzen von Zifferblatt, Zeigern und Werk ins Gehäuse, zu den Bedingungen (FH).

Für die Unterlagen einer gesiegelten Uhr ist ein Satz aus derselben Mitteilung wichtig: Nach bestandener Prüfung wird ein Zertifikat ausgestellt, das die Uhr dauerhaft begleiten soll (FH). In welchem Umfang das Siegel kurz vor der Reform vergeben wurde, zeigen die von Timelab erteilten Zertifizierungen: 19.197 im Jahr 2010 und 23.893 bis zum 9. November 2011 (FH), damals noch bezogen auf das Werk und nicht auf die ganze Uhr. Bei Uhren aus der Zeit nach der Reform lohnt deshalb die Frage, ob dieses Dokument vorhanden ist. Fehlt es, betrifft das zunächst die Vollständigkeit des Satzes und sollte im Angebot offen benannt sein.

Die wichtigste Folgerung für Käufer: Das Siegel gehört zu einer bestimmten Referenz und Werkgeneration, nicht automatisch zur Marke. Für die Overseas ist es belegt für die Modelle, die 2016 neu vorgestellt wurden (Monochrome). Für frühere Overseas-Generationen sollte man es nicht voraussetzen, sondern am Werk und in den Papieren prüfen. Wer Genfer und sächsische Qualitätsvorstellungen vergleichen möchte, findet in unserem Beitrag über die Glashütter Uhrmacherschule die sächsische Seite, ohne dass daraus eine Wertung zwischen den Schulen folgt.

5. Eigentümerwechsel: Jaeger-LeCoultre, Ketterer, Yamani, Vendôme, Richemont

Das zwanzigste Jahrhundert brachte der Manufaktur mehrere Wechsel an der Spitze. Den ersten beschreibt Fratello so: „1938 kaufte Jaeger-LeCoultre mit etwas Unterstützung der Holdinggesellschaft SAPIC Vacheron & Constantin. Im Verwaltungsrat saß Georges Ketterer, der zwei Jahre später die Mehrheit der Aktien des Unternehmens erwarb“ (Fratello). Die Verbindung zu Jaeger-LeCoultre ist für das Verständnis späterer Kaliber zentral, denn mehrere Werke, die später in Uhren mit Vacheron-Signatur arbeiteten, gehen auf Konstruktionen von Jaeger-LeCoultre zurück.

Die Familie Ketterer prägte die folgenden Jahrzehnte. Georges Ketterer starb 1969, sein Sohn Jacques Ketterer übernahm die Leitung (Wikipedia). In diese Zeit fällt die Quarzkrise, von der Vacheron Constantin in den 1970er und 1980er Jahren ebenfalls betroffen war (Wikipedia). Als Jacques Ketterer 1987 starb, erwarb im selben Jahr Scheich Ahmed Zaki Yamani die Manufaktur (Fratello). In dieser Phase entstand auch die 222, eine Stahlsportuhr mit integriertem Band, deren Motive in der Overseas weiterleben und die im nächsten Abschnitt ausführlich behandelt wird.

Die beiden letzten Wechsel liegen nur drei Jahre auseinander. 1996 ging Vacheron Constantin an die Vendôme Luxury Group, und im selben Jahr debütierte die Overseas; 1999 fusionierte Vendôme mit der Richemont-Gruppe, die die Manufaktur seither besitzt (Fratello). Über den Verkäufer im Jahr 1996 gehen die Quellen auseinander, deshalb nennen wir hier nur den Käufer. Für die Einordnung einer Uhr zählt ohnehin weniger, wer das Aktienpaket gerade hielt, als die Frage, welche Werke in der jeweiligen Epoche verbaut wurden.

Die Werkherkunft lässt sich an den Kalibern ablesen. Die 222 von 1977 lief mit dem VC1120 auf Basis des Jaeger-LeCoultre-Kalibers 920 (Monochrome). Die erste Overseas nutzte ein Basiswerk von Girard-Perregaux, die zweite unter anderem ein auf dem Jaeger-LeCoultre 889 basierendes Werk (Monochrome). Mit der Generation von 2016 stellte die Marke für die Overseas drei neue Manufakturkaliber vor (Monochrome). Ein Basiswerk eines anderen Herstellers ist dabei kein Makel, sondern ein Merkmal seiner Zeit, das hilft, eine Uhr zu datieren und ihre Serviceanforderungen realistisch einzuschätzen.

Genfer und Schweizer Manufakturen

Marken aus dem Umfeld von Vacheron Constantin

Die Geschichte von Vacheron Constantin ist mit mehreren Manufakturen verflochten, etwa über Basiswerke von Jaeger-LeCoultre. Eine Auswahl verwandter Marken im Bestand, jeweils mit eigenen Kollektionen und Kalibergenerationen.

6. Die 222 von 1977: Ursprung der sportlichen Kollektion

Die 222 entstand in einer Krise. Ein Fachmagazin beschreibt die 1970er Jahre so: Die neuen, genauen Quarzuhren gewannen an Beliebtheit und stürzten die Schweizer Uhrenindustrie in eine tiefe Krise (Monochrome). In dieser Lage brachte Vacheron Constantin eine Uhr aus Stahl mit integriertem Band heraus. „Zum 222. Jubiläum der Marke stellte Vacheron die ‚222‘ vor, entworfen vom jungen Jorg Hysek“ (Monochrome). Der Name folgt damit der Zählung ab 1755, die im zweiten Abschnitt beschrieben ist.

Die Gestaltung lässt sich anhand weniger Merkmale gut beschreiben. Monochrome nennt ein flaches, tonnenförmiges Gehäuse mit gekerbter runder Lünette und einem winzigen Malteserkreuz bei fünf Uhr. Das Gehäuse war aus einem Stück gefertigt und bis 120 Meter wasserdicht, das komplexe integrierte Band hatte große, sechseckige Mittelglieder (Monochrome). Gerade das Malteserkreuz bei fünf Uhr ist auf Angebotsfotos ein schnelles Erkennungszeichen, das auch an der späteren Neuauflage wieder auftaucht.

Technisch stützte sich die 222 auf das Umfeld von Jaeger-LeCoultre. Im Inneren arbeitete das Kaliber VC1120 auf Basis des Jaeger-LeCoultre-Kalibers 920, und die erste Ausführung, heute Jumbo genannt, war eine Uhr mit Stunde, Minute und Datum ohne Sekundenzeiger und 37 Millimetern Durchmesser (Monochrome). Später folgten kleinere Varianten in Stahl, Gelbgold oder Bicolor (Monochrome). Für die mittlere Größe nennt Monochrome 34 Millimeter mit Automatikwerk auf Basis von Jaeger-LeCoultre, für die kleinste ein Quarzwerk; deren Durchmesser geben zwei Artikel desselben Magazins mit 24 und mit 25 Millimetern an. Wer eine Vintage-222 prüft, sollte deshalb zuerst Größe und Werkart klären, denn unter dem Namen laufen sehr unterschiedliche Uhren.

Die Produktion endete nach acht Jahren. In deutscher Übersetzung: „Die bis 1985 produzierte 222 war die wichtigste Inspiration für die Overseas, die 11 Jahre später, 1996, eingeführt wurde“ (Quill & Pad). Die Overseas war damit keine bloße Fortsetzung, sondern eine Neuinterpretation mit elf Jahren Abstand. Sie griff die Grundidee der 222 auf, lief aber mit einem anderen Werk, wie der folgende Abschnitt zeigt.

Neben die 222 werden häufig zwei andere Sportuhren mit integriertem Band gestellt: die Royal Oak von 1972 und die Nautilus von Patek Philippe von 1976 (Monochrome). Ein Fachmagazin merkt an, die Overseas habe, unabhängig vom Modell, im Schatten von Royal Oak und Nautilus gestanden (Fratello). Diesen Vergleich führen wir hier nicht als Rangfolge weiter. Wer die Royal Oak im Detail kennenlernen möchte, findet sie in unserem Beitrag zur Royal Oak Referenz 15202ST. Technisch teilten die drei Uhren anfangs sogar dieselbe Werkbasis, das ultraflache Jaeger-LeCoultre 920 (Monochrome). Eigenständig ist die 222 vor allem in ihrer Formensprache, und daran sollte man sie auch messen.

7. Overseas in drei Etappen: von VC1310 zum Kaliber 5100

Die erste Overseas-Generation reicht nach der Einteilung von Monochrome von 1996 bis 2004. Sie übernahm von der 222 das tonnenförmige Gehäuse mit einer kannelierten Lünette, die an das Malteserkreuz erinnert, und ein integriertes Band mit geometrischen Gliedern (Monochrome). Die Eckdaten sind klar belegt: „Die erste Overseas maß 37 mm, war bis 150 m wasserdicht und wurde vom VC1310 angetrieben, einer COSC-zertifizierten Version des ultraflachen Automatikwerks Girard-Perregaux 3100“ (Monochrome). Das Basiswerk stammte also von einem anderen Hersteller und trug ein Chronometerzeugnis.

Die zweite Generation folgte 2004 und blieb bis 2016 im Programm (Monochrome). Sie wirkte moderner, das Metallband erhielt Glieder in Form eines halben Malteserkreuzes, der Kronenschutz entfiel, und neue gemusterte Zifferblätter unterstrichen den sportlicheren Auftritt (Monochrome). Laut derselben Quelle wuchs das Gehäuse auf 42 Millimeter, als Werke werden das VC1126 auf Basis des Jaeger-LeCoultre 889 und weiterhin das VC1137 auf Basis des Frédéric Piguet 1185 mit Großdatum genannt, und ein Innenkäfig aus Weicheisen schützte das Werk vor Magnetfeldern (Monochrome).

Mit der dritten Generation von 2016 änderte sich die Technik grundlegend. Die Gestaltung stammt von Vincent Kaufmann, die Lünette hat nun sechs statt zuvor acht Einkerbungen, und der Boden zeigt keine maritimen Gravuren mehr, sondern ein Saphirglas (Monochrome). Entscheidend ist: Alle neuen Modelle tragen das Genfer Siegel und sind mit wechselbaren Bändern ausgestattet; die Dreizeigeruhr mit Datum misst 41 Millimeter und läuft mit dem neuen Manufakturkaliber 5100 (Monochrome). Das VC5100 wird nach den Anforderungen des Siegels gefertigt (Monochrome).

Der Chronograph der dritten Generation misst 42,5 Millimeter und läuft mit dem VC5200, einem neuen Schaltradchronographen aus eigener Fertigung (Monochrome). Hinzu kam 2018 die Overseas Dual Time mit der Referenz 7900V und dem Kaliber 5110 DT, das in der aktuellen Cardinal-Points-Serie als 5110 DT/3 weiterlebt (Monochrome). Die folgende Übersicht fasst zusammen, woran sich die drei Etappen beim Blick auf ein Angebot unterscheiden lassen, ohne dass man das Werk sehen muss:

  1. Erste Generation, 1996 bis 2004: 37 Millimeter, dazu kleinere Ausführungen mit 35 und 24 Millimetern, bis 150 Meter wasserdicht, Basiswerk von Girard-Perregaux im VC1310 mit Chronometerzeugnis; beim Chronographen von 1999 das VC1137 auf Basis des Frédéric Piguet 1185 mit Großdatum. Ein Genfer Siegel ist für diese Uhren nicht belegt.
  2. Zweite Generation, 2004 bis 2016: Band mit Gliedern in Form eines halben Malteserkreuzes, kein Kronenschutz mehr, gemusterte Zifferblätter, 42 Millimeter und eine Lünette mit acht Einkerbungen. Das VC1126 basiert auf dem Jaeger-LeCoultre 889, der Chronograph behält das VC1137, ein Weicheisenkäfig schützt das Werk.
  3. Dritte Generation ab 2016: Lünette mit sechs Einkerbungen, Saphirglasboden statt Gravur und Wechselband-System. Die Dreizeigeruhr misst 41 Millimeter und läuft mit dem Manufakturkaliber 5100, die neu vorgestellten Modelle tragen das Genfer Siegel.
  4. Dual Time ab 2018: Referenzfamilie 7900V mit dem Kaliber 5110 DT, das in der Cardinal-Points-Serie von 2026 in der Fassung 5110 DT/3 arbeitet. Bei Angeboten auf vollständige Papiere und alle mitgelieferten Bänder achten.
Overseas Date Stainless Steel / Blue

Overseas der dritten Generation

Die Referenz 4500V-110A-B128 gehört zur Overseas-Generation von 2016: Gehäuse aus Edelstahl mit 41 Millimetern Durchmesser, Lünette mit sechs Einkerbungen nach dem Vorbild des Malteserkreuzes und Saphirglasboden. Im Inneren arbeitet das Manufakturkaliber 5100 mit Genfer Siegel, und über das Wechselband-System lassen sich Metallband, Leder- und Kautschukband ohne Werkzeug tauschen.

Overseas 4500V ansehen

8. Historiques 222: Gold 2022, Stahl 2025

45 Jahre nach dem Original kehrte die 222 zurück. Monochrome berichtet, Vacheron Constantin habe die Uhr 2022 im Rahmen der auf der Watches and Wonders in Genf vorgestellten Neuheiten neu aufgelegt. Die erste Ausführung trägt die Referenz 4200H/222J-B935 und besteht aus Gelbgold. Im Inneren arbeitet ein geändertes Werk: „Das Werk wurde geändert und ist nun das Kaliber 2455/2 mit 4 Hz Frequenz und 40 Stunden Gangreserve“ (Monochrome). Das Werk stammt laut Monochrome aus eigener Fertigung und trägt das Genfer Siegel. Die Neuauflage ist damit keine Replik mit altem Kaliber, sondern eine zeitgenössische Uhr im historischen Kleid.

Die Maße folgen dem Vorbild eng. Der Durchmesser ist mit 37 Millimetern identisch, das Gehäuse ist mit 7,95 Millimetern etwa einen Millimeter höher (Monochrome). Wichtiger für die Unterscheidung von Original und Neuauflage ist eine Konstruktionsänderung, die auf Fotos nicht sofort auffällt: Das Gehäuse besteht nun aus drei Teilen, die Monobloc-Bauweise des Originals wurde aufgegeben, und die Wasserdichtheit sank von 120 auf 50 Meter (Monochrome). Das Malteserkreuz bei fünf Uhr ist geblieben. Wer ein Angebot unter dem Namen 222 prüft, sollte daher zuerst klären, ob es um das Original oder die Neuauflage geht.

Die Vertriebsform ist für den Gebrauchtmarkt besonders relevant. „Die Vacheron Constantin Historiques 222 ist in der Stückzahl nicht limitiert, aber ein Boutique-Exklusivmodell und wird ohnehin nicht in großen Mengen erhältlich sein“ (Monochrome). Die Uhr gehört also zur ständigen Kollektion und ist keine limitierte Edition, wird aber nur in den Boutiquen der Marke abgegeben. Eine Auflagenzahl gibt es deshalb nicht, und Angebote, die mit einer angeblichen Limitierung werben, sollte man mit diesem Befund abgleichen, bevor ein Aufpreis dafür akzeptiert wird.

Im Januar 2025 folgte die Stahlversion. Wikipedia hält fest, dass die Marke zum 270-jährigen Bestehen die 222 erneut herausbrachte, nun auch in Stahl mit der Referenz 4200H/222A-B934 (Wikipedia). Auch die Stahlversion gehört laut Monochrome zur ständigen Kollektion, ist nicht limitiert und wird nur in den Boutiquen der Marke verkauft. Am Referenzcode lassen sich die beiden Ausführungen gut auseinanderhalten: 222J steht für die Goldversion von 2022, 222A für die Stahlversion von 2025. Das ist beim Gebrauchtkauf nützlich, weil Fotos bei ungünstigem Licht Material und Farbton nicht zuverlässig zeigen und Beschreibungen gelegentlich beide Ausführungen vermischen. Bei beiden sollten die Papiere den Verkauf durch eine Boutique mit Datum und Referenz ausweisen.

9. Patrimony, Traditionnelle, Fiftysix: die klassische Seite

Neben Overseas und 222 steht eine klassische Seite der Marke, die ohne integriertes Band und ohne sportliche Gehäuseform auskommt. Die Patrimony wurde 2004 eingeführt und ist für ihr schlichtes, elegantes Design und ihr sehr flaches Gehäuse bekannt (Wikipedia). Ein Beispiel aus dem Katalog ist die Patrimony Referenz 81180-000R-9283 aus der Reihe Patrimony Contemporaine, in Roségold mit 40 Millimetern Durchmesser, 6,79 Millimetern Höhe und dem Handaufzugskaliber 1400 für Stunden und Minuten (Katalogangabe). Der Reiz dieser Uhren liegt in Proportion und Zurückhaltung, nicht in technischen Zusatzfunktionen.

Die Traditionnelle beschreiben wir hier bewusst nur über die Katalogdaten, weil sich für ihre Entstehung keine belastbare Jahresangabe findet. Die Referenz 82172-000P-B527 etwa ist im Katalog mit einem Platingehäuse von 38 Millimetern Durchmesser und 7,77 Millimetern Höhe verzeichnet, mit dem Handaufzugskaliber 4400 AS, rund 65 Stunden Gangreserve und kleiner Sekunde (Katalogangabe). Das ist das Profil einer klassischen Anzuguhr, bei der Gehäusematerial, Proportion und Werkausführung im Vordergrund stehen und nicht eine Zusatzfunktion.

Die Fiftysix hatte bei ihrer Einführung eine erkennbare Aufgabe. Fratello beschreibt sie als Einstiegskollektion, die eine neue Zielgruppe erreichen sollte, aber auch die bestehende Kundschaft, die ein wenig eingeschlafen war (Fratello). Vorgestellt wurde sie 2018 auf dem SIHH, gestaltet mit Sektorzifferblatt, arabischen Ziffern und Stabindizes, Kastenglas und versenkter Krone (Fratello). Die Referenz 4600E-000A-B487 steht für die Fiftysix Self-Winding in Stahl (Fratello). Dieselbe Quelle zählt die Self-Winding-Modelle zu den einfachsten und günstigsten im damaligen Katalog der Marke.

Für den Kauf einer klassischen Vacheron gelten dieselben Grundsätze wie bei der Overseas, nur mit anderer Gewichtung. Ob eine bestimmte Referenz das Genfer Siegel trägt, muss am Werk und in den Papieren geprüft werden, nicht anhand des Kollektionsnamens. Fratello nennt dafür ein Beispiel: Bei der Fiftysix Self-Winding fehlte das Siegel, weil das Kaliber 1326 nicht im Kanton Genf, sondern in der Richemont-Manufaktur ValFleurier entstand. Bei Gold- und Platingehäusen verdienen Politurspuren besondere Aufmerksamkeit, weil zu kräftiges Nachpolieren Kanten und Proportionen eines flachen Gehäuses sichtbar verändert. Und bei jedem mechanischen Werk lohnt die Frage nach der letzten Revision, weil Verschleiß an Aufzug und Feder lange unbemerkt bleiben kann.

10. Gebraucht kaufen: woran man die Epoche erkennt

Der erste Anhaltspunkt ist die Referenzlogik, hier am Beispiel der Overseas. Ältere Modelle tragen Referenzen wie die fünfstellige 49140, ein Overseas-Chronograph, den Sotheby's auf circa 2004 datiert (Sotheby's). Die Overseas-Modelle ab 2016 tragen dagegen Referenzen aus vier Ziffern, einem Buchstaben und einem Ausführungscode, etwa 4500V für die Automatik, 5500V für den Chronographen und 7900V für die Dual Time (Monochrome). Bei der Overseas gibt der Aufbau der Nummer damit einen ersten Hinweis auf die Epoche, noch bevor man Werk, Lünette oder Band auf den Fotos des Angebots genauer betrachtet.

Zur 49140 gibt es ein dokumentiertes Auktionsergebnis, in deutscher Übersetzung: „Dieser Vacheron Constantin Overseas Chronograph Referenz 49140 wurde im März 2022 in der Auktion Fine Watches von Sotheby’s für 37.800 EUR verkauft“ (Sotheby's). Die 37.800 Euro erzielte laut Sotheby's eine Ausführung mit Gelbgoldgehäuse und silberfarbenem Zifferblatt, also kein Stahlmodell. Das ist ein Einzelergebnis zu einem bestimmten Zeitpunkt, für ein bestimmtes Exemplar in einem bestimmten Zustand, und ein Marktwert für die Referenz lässt sich daraus nicht ableiten. Es zeigt aber, dass auch eine Overseas aus der Zeit vor 2016 bei einem großen Auktionshaus angeboten und verkauft wurde.

Aus den vorangehenden Abschnitten ergibt sich ein Prüfschema, das sich an fast jedes Angebot anlegen lässt. Es ersetzt keine Begutachtung durch einen Uhrmacher, führt aber zu den Rückfragen, die vor einer Kaufentscheidung geklärt sein sollten. Jeder Punkt lässt sich aus Fotos, Papieren oder einer kurzen Nachricht an den Verkäufer beantworten. Bleibt ein Punkt offen, ist das nicht zwingend ein Ausschlussgrund, gehört aber in die Preisverhandlung und sollte dort ausdrücklich benannt werden.

  1. Referenz und Schema: Bei der Overseas fünfstellige Nummer oder neues Schema mit Buchstaben und Ausführungscode? Die Referenz muss zu Gehäuse, Lünette und Band auf den Fotos passen. Eine Referenz ab 2016 mit acht Lünettenkerben oder eine der zweiten Generation mit sechs ist ein Widerspruch.
  2. Kalibergeneration: VC1310 mit Girard-Perregaux-Basis, Werke mit Basis von Jaeger-LeCoultre oder Manufakturkaliber wie 5100, 5200 und 5110 DT. Das Werk muss zur Epoche passen, die das Angebot behauptet; ein Foto durch den Saphirglasboden klärt das bei neueren Modellen schnell.
  3. Genfer Siegel: Für die 2016 neu vorgestellten Overseas belegt, für ältere Generationen nicht vorauszusetzen. Bei gesiegelten Uhren aus der Zeit nach der Reform von 2012 sollte das Zertifikat vorhanden sein, das die gesiegelte Uhr laut den damals veröffentlichten Kriterien dauerhaft begleiten soll.
  4. Lieferumfang und Bänder: Bei der dritten Overseas-Generation gehört das Wechselband-System zum Konzept. Fragen Sie nach allen mitgelieferten Bändern, nach Faltschließen und Ersatzgliedern, denn fehlende Teile eines integrierten Bands können aufwendig nachzubeschaffen sein.
  5. Papiere und Verkaufsstelle: Bei boutique-exklusiven Modellen wie der Historiques 222 oder den Cardinal-Points-Uhren sollten die Papiere den Verkauf durch eine Boutique mit Datum und Referenz ausweisen. Abweichungen zwischen Papieren und Uhr sind vor dem Kauf zu klären.

Zur Einordnung der Gegenwart gehört die Führung des Hauses. Nach einer Mitteilung vom November 2024 ist Laurent Perves seit dem 1. Januar 2025 CEO der Manufaktur; er folgte auf Louis Ferla, mit dem er nach dieser Mitteilung acht Jahre eng zusammengearbeitet hatte (Europa Star). Für den Wert einzelner Uhren spielt die Personalie keine unmittelbare Rolle. Wir geben sie als Stand jener Mitteilung wieder; ob sich an der Spitze seither etwas geändert hat, sollte man bei Bedarf auf der Seite des Herstellers nachsehen.

Bleibt die Abwicklung. Beim Kauf einer gebrauchten Vacheron Constantin kennen sich Käufer und Verkäufer häufig nicht. Bei CHRONOWERK werden alle Zahlungen über ein Treuhandkonto abgewickelt, und das Geld bleibt verwahrt bis zur Empfangsbestätigung. Das ersetzt nicht die Prüfung von Referenz, Werk, Siegel und Papieren, die dieser Guide beschreibt, sondern ergänzt sie. Wer die Epochenmerkmale kennt, kann die richtigen Fragen stellen und die Antworten dann mit der Uhr in der Hand abgleichen.